Nie mehr müde …!

»Nie mehr müde« lese ich eben
in einem Ratgeber für besseres Leben.
Ich stürze mich also wie ein Wilder
auf Anweisungen, Rezepturen, Bilder,
studiere und rühre mir Power-Tinkturen,
massiere die Haare, verstelle die Uhren,
ich springe um fünf Uhr früh aufs Feld,
bezahle für Früchte ein Heidengeld
und bin tatsächlich durch all die Sach‘
nach drei, vier Tagen richtig wach.
Doch auch noch nach ein, zwei Wochen!
So oft ich auch immer ins Plümmoh gekrochen,
ich kann seither einfach nicht mehr schlafen …
Trotz Baldrians und zahllosen Schafen
steh senkrecht ich nächtens in meinem Pfühl,
den sonst ich so gern im Tiefschlaf durchwühl …

Die Redaktion, die den Blödsinn verbrochen,
hat sich hinter sinnleeren Floskeln verkrochen:
Man lobt mich für die geglückte Kur,
und meint, sie sei ganz vorzüglich gelungen.
Beim Schadenersatz ist man indessen stur,
und wenn ich auch brülle aus vollen Lungen:
Nur drei, vier Wochen sollte ich warten,
dann werde man eine Serie starten
betitelt »Gesundes Träumen« –
die dürfte ich keinesfalls versäumen,
bis dahin aber die Wachzeiten nutzen,
die Wohnung streichen, den Rasen stutzen –
und käme ich damit auch nicht weit,
dann könnte ich doch nach der Zeit,
die Marcel Proust verloren, suchen,
statt über schlaflose Nächte zu fluchen.

Das war in der Tat
ein guter Rat.
Zwölf Bände sind’s, ich nahm sie mir vor,
und schon nach dem dritten
oder besser – inmitten –
war ich im eigenen Schlaflabor
und dachte,
als ich nach drei, vier Tagen erwachte:
Man sollte auf Lebensratgeber pfeifen,
und lieber nach Essentiellem greifen!
Es ist doch noch immer die beste Kur
der Umgang mit großer Literatur.