Aufs Maul !
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»Na-hinn, Trainer, nain! Millo geht nich in den Ring heute! Nein … « Miroslaw Kuprzynszczky heulte wie ein Feuermelder. Krallte sich an seinem Spind fest. Haute um sich, kratzte und biß wie ein ungezogenes Balg und brüllte wieder: »Nein, naain, na-hin!«
Harry Hübner, sein Coach, wußte nicht mehr weiter. Seit einer guten Stunde ging das so. Die Halle war fast voll, der Gegner hatte sich längst aufgewärmt und gewogen. Die Quoten standen nicht schlecht, und jetzt hockte dieses bockbeinige Ungeheuer vor ihm und ließ keinen an sich heran. Das war Hübner in all den Jahren mit Millo – so sprach Miroslaw Kuprzynszczky seit jeher von sich – noch nicht vorgekommen. Sonst mußte er immer nur sagen: »Millo, da steht er. Der lacht über dich!« Und es flogen die Fäuste. Wie schon in der Volksschule. Wenn da einer was über den großen Jungen unter den vielen Kleinen, über die abstehenden Ohren oder die Hasenzähne sagte, gabs gleich »aufs Maul«. Denn das stand für unseren Helden von Anfang an fest: Er wollte Boxer werden. Daß er dieses zukunftsträchtige Wort mit viel seitlichem Zungeneinsatz sprach, daß er also »zuzelte« – auch das war etwas, was einen nicht stören durfte und was der pfiffige Hübner gern mit großem Erfolg als Motivationshilfe einsetzte. »Millo, der macht dich nach!« …
Jetzt versagten die üblichen Methoden. Der Trainer schmeichelte. Lobte die heute früh noch so pralle Rechte, die behende Beinarbeit, die affenartigen Schwinger. »Na-hinn, Harry, nain!« Hübner schimpfte. Drohte mit Worten. Erinnerte an berühmte Kämpfe. An die Zeit, wie Charlie Hempel ihn in der vierten Klasse einen »Doofkopp« genannt und nach vierwöchigem Krankenhausaufenthalt die Schule gewechselt hatte. Nichts zu machen, Millo blieb bei seinem »Naa-hinn, Trainer«: »Ich weiß, was ich weiß, und ich geh nich raus!» – Hübner unternahm einen letzten, fast absurden Versuch und fragte: »Gut, Millo,« seufzte er, »was weißt du denn?« – »Daß Millo heut Senge kriegt, aufs Maul, immer aufs Maul!« –

»Ja, wer hat dir denn den Quatsch erzählt?« ächzte es.
Der Gefragte schien erleichtert. Nach und nach rückte er mit der Sprache raus: »Millo hat den Wetterbericht gehört, Trainer. Wegen der Quoten. Nur wegen der Quoten. Und weißte, was der Kasten gesagt hat?« Durch ein Schulterzucken ließ ihn Hübner wissen, daß er es nicht wisse. »Die hamm gesagt da in dem Kasten, heute gibt’s starke Niederschläge … ! Und da sagst du, Millo soll raus. Na-hin, Trainer, na – hinn!«
Der Kampf mußte in letzter Minute abgesagt werden. Am Wettschalter kam es zu Auseinandersetzungen. Als Millo das hörte, ging er dazwischen, ohne nachzudenken. Doch heute waren es zu viele. »Doofer Kasten«, zuzelte er später, als er aus der Narkose erwachte.
