Bedächtiger Triumph
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Auch in fortgeschritt’nem Alter
konnte Johann Gottlieb Walther
am Spieltisch der Orgel,
so schreibt uns N. Forgel,
nicht improvisieren,
Choräle verzieren
und so präludieren,
daß die Gemeinde
das von ihm gemeinde
Lied hätt‘ könn’n singen
oder mit Plärr’n
dem Herrn hätt‘ darbringen
gewollt andachtsvóll und im Takte:
So daß man sich beim Herrn Pfarrer beklakte.
Der nahm sich den fleißigen Musikus vor
und blies ihm mit eiferndem Atem ins Ohr:
»Werde ein besserer Liedergestalter,
sonst bist du’s gewesen, o mein Gottlieb Walther!«
Der griff ohn‘ Verweilen
nach Feder und Dinte,
um sich zu beeilen
und hurtig, geschwinde
schon nächstfäll’gen Sonntag
die Tasten zu rühren,
als ob tausend Teufel darüber führen:
Er hatte sich’s sorgfältig aufgeschrieben
und ward also nicht in die Irre getrieben
von ausgebliebener Inspiration,
durch jählings vergessenen Kirchenton,
er hatt‘ die Kontrolle zurückerhalten
und konnte fortan wie ein Gottlieb walten,
ein Amadé gar, ein Theophil
mit seinem verbesserten Orgelspiel –
selbst die Gemeinde war’s zufrieden:
sie hat’s ihm in höchlichsten Noten beschieden …
Wir aber erfahren an dieser Stelle,
daß immer, wenn dú nicht auf die Schnelle
den passenden Reim oder Ton hast bereit,
dann nimm dir daheim die genügende Zeit
mach dort deine Sache in Ruhe ab
und nicht auf der Orgelempore schlapp.
